Mit der Bezeichnung «Sparkantate» würde man BWV 153 «Schau, lieber Gott, wie meine Feind» gewiss nicht gerecht. Denn Bach geizt keinesfalls mit kompositorischen Einfällen und geradezu dramatischen Wechseln zwischen den Affekten; auch die Gesangssolisten sind alles andere als arbeitslos. Dennoch: Der Chor wird geschont und darf komplikationsfrei drei schöne Choräle wiedergeben. Und im Orchester gibt es weder Bläser noch Pauken, sondern «nur» Streicher und das Continuo. Weshalb diese Ökonomie der Kräfte? Schlicht deshalb, weil die Uraufführung auf einen Sonntag zwischen zwei hohen Feiertagen, Neujahr und Epiphanias, fiel und das Leipziger Personal geschont werden musste. Bach machte aus der Not eine Tugend und hinterliess uns einen stramm symmetrisch um den Schlüsselchoral Nr. 5 («Und ob gleich alle Teufel…») gebauten, kleinen gotischen Kantatendom. Der Schluss fällt versöhnlich und optimistisch aus, so dass wir mit dieser Kantate getrost und gerne das musikalische Jahr 2023 eröffnen.

Mit dem Übersetzer und Schriftsteller Usama Al Shamani konnten wir einen Reflexionsreferenten gewinnen, der kulturelle Aneignung zum persönlichen Programm gemacht hat und befähigt ist, Aussen- und Innensicht auf den Kantatentext zu verknüpfen. Die Feindesthematik und Religion als Kampfhandlung im weitesten Sinne ist dem Kulturkreis, aus dem Usama Al Shamani stammt, keineswegs fremd. Wir freuen uns auf die Ausführungen unseres Reflexionisten, der den hiesigen Fernsehzuschauerinnen und -zuschauern auch als Literaturkritiker beim «Literaturclub» SRF bekannt sein dürfte.

Nach dem Kantatenkonzert, am Samstagmorgen um 10.30 Uhr, laden wir zu unserer ersten Ausgabe des neuen Formats «Zu Gast bei Rudolf Lutz». Unser höchst beliebter und bewährter Altus Jan Börner, Solist bei der Kantatenaufführung, wird Red‘ und Antwort stehen im Künstlergespräch mit unserem musikalischen Leiter. Das Publikum hat Gelegenheit, hinter die Kulissen eines Musikerlebens zu schauen und viel Spannendes zu erfahren. Selbstverständlich wird es nicht beim Gespräch bleiben; der Flügel steht bereit im Stadthaussaal der Ortsbürgergemeinde St. Gallen, und Jans Stimme wird noch so geschmeidig sein wie am Abend zuvor, wenn er Lieblingslieder präsentiert!

Bleibt, auch noch ein wenig die Werbetrommel (I) zu rühren, und zwar für eine Serie von Gastspielen im In- und Ausland. Am 16. Februar starten wir in Wien mit einem Solo-Kantaten-Konzert mit der Sopranistin Nuria Rial und wechseln dann nach St. Gallen (Tonhalle, 17. Februar 2023), nach Basel (Peterskirche, 18. Februar 2023) und nach Zürich (St. Peter, 19. Februar 2023). Lassen Sie sich diese kurzweiligen musikalischen Leckerbissen nicht entgehen, und helfen Sie uns, die Ränge mit Ihren Angehörigen, Freunden und Bekannten zu füllen, auch und gerade solchen, die unter Umständen (noch) nicht so Bach-affin sind. Nuria Rial, Rudolf Lutz und die Instrumentalistinnen und Instrumentalisten werden es auch für diese richten.

Werbetrommel II: Die Tournee mit «unserer» Johannespassion vom 5. bis zum 8. April, also zielgenau in der Karwoche, zunächst in Schaan FL (Theater am Kirchplatz, in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Schweiz – Liechtenstein, 5. April 2023), dann in St. Gallen (Tonhalle, 6. April 2023) und schliesslich in Zürich (Tonhalle, 8. April 2023). Einen Vorgeschmack, wie das tönt und aussieht, erhalten Sie im Livestream von unserer Leipziger Aufführung in der Thomaskirche am Bachfest 2022: www.bachipedia.org/live_stream/johannespassion-bachfest-leipzig/