«Kontrafaktisch!» möchte ausrufen, wer die derzeitige Verfassung unserer Welt in Bezug setzt zum Titel der Kantate BWV 31. Denn von einem «Jubilieren der Erde» kann seit nunmehr schon über einem Monat gewiss nicht die Rede sein. Vielmehr wachen wir Morgen für Morgen traurig auf, weil das für undenkbar Gehaltene sich zähe hält. Tod und Zerstörung scheinen den Sieg davongetragen zu haben. Karfreitag für immer. Musik hat, das wissen wir von Bachs Passionen her, die Kraft, in solchen Situationen Trost zu spenden. Ostermusik geht aber noch einen entscheidenden Schritt weiter. Sie handelt von der ultimativen Überwindung von Tod und Zerstörung. Was auf den ersten Blick kontrafaktisch und unpassend scheint, ist so gesehen eigentlich ein religiöser Volltreffer mit höchster Sprengkraft. «Gerade jetzt!», dürfte mithin entgegnet werden.

Mit den zwei Trogener Konzerten dann wohl am Ende eines zweiten Kriegsmonats 2022 wollen wir auf unsere Weise ein kraftvolles Zeichen der Solidarität mit den Leidenden und Geschundenen setzen und zugleich jene Hoffnung vermitteln, der Johann Sebastian Bach mit seiner Musik immer wieder Flügel verliehen hat.

Die Kantate BWV 31 «Der Himmel lacht! Die Erde jubilieret» lässt Tod und Zerstörung gleich von Anfang an sehr deutlich hinter sich. Triumphierende Fanfaren kündigen die neue Zeit an, und der Chor lässt Himmel und Erde vor Freude förmlich überschäumen. Im Verlaufe der ungemein farbenfrohen Kantate verdichtet sich die Inszenierung jedoch mehr und mehr auf eine individuelle Verinnerlichung, auf die persönliche Aneignung des Ostergeschehens mit Blick auf das eigene Ende, jenen Schlaf, der ins ewige Leben führen wird, wie es der wunderbare Schlusschoral verheisst. Die Reflexion zu dieser Kantate wird von einer ausgesprochenen Insiderin in Sachen Bach gehalten, Frau Dr. Christine Blanken. Als Forscherin kennt sie die Quellen, aus der wir monatlich schöpfen, sehr detailliert und sorgt als nebenberufliche Kirchenmusikerin in Leipzig gleichzeitig für laufenden Praxisbezug ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit.

Den Besuchern des Konzerts «Zwischen den Zeiten» am 30. Dezember 2021 dürfte die Kantate BWV 41 «Jesu, nun sei gepreiset» noch halbwegs bekannt sein. Wir liessen damals mit diesem einzigen grossen Ruf nach Frieden das alte Jahr ausklingen, nicht wissend, wie konkret und drängend die Bitte bald einmal werden könnte. Im Rezitativ Nr. 5 wird Bach beinahe handgreiflich, indem er den Bassisten zusammen mit dem Chor «den Satan unter unsre Füsse treten» lässt. Man möchte derzeit am liebsten einstimmen in diese brachiale Litanei! Danebst herrschen aber demütig um göttliche Gnade bittende Töne vor, die Illusionslosigkeit gegenüber menschlichem Bemühen um Frieden adäquat widerspiegelnd. Mit Frieden, dem seelischen nämlich, hat sich ein Berufsleben lang unser Reflexionsredner und treuer Kantatenbesucher, der Psychiater Dr. med. Rudolf Osterwalder, befasst. Wir schätzen uns sehr glücklich, sozusagen aus eigenen Reihen den Wortbeitrag zu dieser Kantate beisteuern zu können.


Wir sind uns bewusst: Mit zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Kantatenkonzerten gehen wir an die Grenze von Verfügbarkeit und gegebenenfalls auch Aufnahmefähigkeit unseres geschätzten Publikums, aber auch die Belastung unserer Musikerinnen und Musiker wird strapaziert, denn es müssen ja immer auch gültige Ton-/Bildaufnahmen mitgeschnitten werden. Aber Sie kennen den Grund: Wir möchten das Covid-Jahr 2020 nach und nach wieder aufholen. Wir sind dankbar um Rückmeldungen zu dieser Formel – denkbar (und auch schon angedacht) sind auch andere Lösungen, zum Beispiel ein vorübergehender Zweiwochentakt.

Einige weitere Hinweise:

  • Am Sonntag, 24. April 2022, gastieren wir mit den Solokantaten BWV 199 und BWV 170 in Arnstadt im Rahmen der diesjährigen Thüringer Bachwochen. Details entnehmen Sie dem Festivalprogramm unter https://www.thueringer-bachwochen.de
  • Am 26. April 2022 findet in Chur eine Veranstaltung zum Thema «Johann Sebastian Bach. Guter Musikus, guter Lateiner – guter Theologe» mit Prof. Dr. Michael Maul und Dr. Bernhard Schrammek statt. Sie kennen Michael Maul von verschiedenen Werkeinführungen.
  • Schon wieder kommt eine CD von uns auf den Markt! Mit der Nummer 39 veröffentlichen wir das prunkvolle Huldigungswerk BWV 215 «Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen» und die Ratswahlkantate BWV 120 «Gott, man lobet dich in der Stille». Beide wurden in der Olma-Halle aufgenommen – mit durchaus positiven akustischen Auswirkungen, notabene.
  • Jetzt vormerken! Après-Bach-Matinée am 14. Mai im Kirchgemeindehaus Hörli (Teufen AR) mit Thomas Leininger. «Wer ihn nicht gehört hat, hat vieles nicht gehört.» J. S. Bach als Generalbassspieler. Gönner der J. S. Bach-Stiftung können ihre Gutscheine einlösen. Karten im freien Verkauf: CHF 50.
  • Tätigkeitsbericht 2021 mit vielen interessanten Rückblicksinformationen zum vergangenen Jahr – und einem Schlusschoral der besonderen Art…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.