Sei es vorausschauende Planung, Zufall oder Fügung ‒ die Aufführung der «Ratswahlkantate» BWV 120 koinzidiert in auffälliger Weise mit den Bemühungen um eine neue deutsche Regierung. Die jährliche Ablösung von einem der drei Leipziger Ratskollegien ist als vordemokratisch einzustufen; der Mangel an übergeordneter Legitimation wurde durch Stil und Feierlichkeit wettgemacht, was man hinwiederum bei heutigen, besser abgestützten Prozessen schmerzlich vermissen mag. Wie auch immer: Bachs Musik ist wieder einmal umwerfend schön. Wir hören mit dem Chor Nr. 2 der Kantate in die h-Moll-Messe hinein, und mit der Arie Nr. 4 erklingt der Satz eines veritablen Violinkonzerts. Pauken und Trompeten verleihen dem Orchester besonderen Glanz, und die Sängerinnen und Sänger können ihre Fähigkeiten freudenvoll entfalten. Als gäbe es nichts Schöneres als eine nächste Regierung. Bach wäre nicht Bach, wenn er den Wermutstropfen der Mahnung zu Mass und Anstand nicht in seine Festmusik einfliessen lassen würde – der Choral Nr. 6 wirkt insofern nicht fremd, sondern ist geradezu konstitutiv für die Gesamtwirkung des Werks, zumal Bach dem Schluss ja noch eine festliche Intrada für Orchester folgen liess, deren Noten allerdings verschollen sind (ein Umstand, dem die J. S. Bach-Stiftung bekanntermassen Abhilfe zu verschaffen weiss…).

Der Thurgauer Unternehmer und ausgebildete Konzertpianist Hermann Hess versuchte sich in seinem vielfältigen Leben unter anderem auch in der Politik. Er vertrat das thurgauische Volk von 2015 bis 2017 im Nationalrat, wandte sich dann aber anderen Prioritäten zu, mutmasslich, weil ihm als Mann von klaren Entscheiden der demokratische Einigungsprozess doch etwas mühselig erschien. Als kritischer Beobachter des Zeitgeschehens äussert er sich aber noch stets zu Fragen der guten Governance; seine Einordnung von BWV 120 in unser aktuelles Zeitgeschehen macht neugierig.

Nebst unserem ordentlichen Kantatenprogramm ein paar musikalische Leckerbissen, die Sie sich keinesfalls entgehenlassen sollten:

  • Sonderkonzert mit Rudolf Lutz, Michael Wachter sowie Musikerinnen und Musikern der Knabenmusik und Jugendmusikschule St. Gallen am 14. November 2021 in Stein (AR). Aufgeführt werden Teile der Bläsersuite «hell/dunkel» von Rudolf Lutz (komponiert 2020) sowie des Making-of-Films «Berg-Bach – wie Jugendliche den Musikhimalaya ersteigen» von Samuel Lutz. Rudolf Lutz wird auch die prachtvoll klingende Orgel der Kirche in Stein anschlagen. Für Details zum Programm besuchen Sie bitte unseren Konzertkalender.
  • Die Serie von drei Jubiläumskonzerten (15 Jahre Stiftungstätigkeit, 150 Kantaten!) in Basel, Trogen und Zürich am 16., 17. und 18. November 2021 jeweils um 19.00 Uhr mit den drei wunderschönen Solokantaten BWV 199, BWV 82 und BWV 202. Es handelt sich um jene Solisten (Nuria Rial und Manuel Walser) und um jenes Programm, das unsere Stiftung im Februar 2021 im Mozartsaal des Konzerthauses in Wien zur Aufführung gebracht hätte. Billettbestellungen bitte an unser Sekretariat.
  • Denken Sie schon jetzt an die Terminreservation für das Sonderkonzert «Zwischen den Zeiten» von Donnerstag, 30. Dezember 2021, um 19.00 Uhr in der Laurenzenkirche St. Gallen. Endlich wieder einmal in einer grossen Kirche zusammenkommen! Zur Aufführung gelangen das Magnificat von Andreas Hofer (1629‒1684), «Fasciculus myrrhae» von Giuseppe Peranda (ca. 1625‒1675), der Psalm «Es spricht der Unweisen Mund wohl» von Sebastian Knüpfer (1633‒1676) und BWV 41 «Jesu, nun sei gepreiset» von Johann Sebastian Bach (1685‒1750). Besser können Sie das zweite Coronajahr nicht abschliessen!

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