In insgesamt 11 Nummern wird der Mensch zu Umkehr, Reue, Busse genötigt. Wer auf Barmherzigkeit hofft, hofft vergebens; erst in der allerletzten Zeile der Kantate tut sich die Tür zum Himmel ein ganz klein wenig auf. Ein schrecklicher Text, der genau das sein will: schrecklich. Aber welche Musik! Bach zieht alle Register seiner Kunst. Es entsteht ein Gemälde, das Michelangelos Malerei in der Sixtinischen Kapelle in nichts nachsteht und zeitweilig auch den Aufgeklärten des 21. Jahrhunderts erschaudern lässt. – Der Unterzeichnende hatte jüngst Gelegenheit, mit dem greisen Friedensaktivisten (und herausragenden Linguisten) Noam Chomsky ausführlich über die Rüstungsfrage zu reden. Seither ist er nicht so sicher, ob die Kantate als Mahnmal für Sündhaftigkeit eventuell nicht doch irgendwie richtig liege. Nämlich insofern, als die Menschheit ihrer Fähigkeit, sich in einer selber induzierten Höllenfahrt definitiv auszulöschen, mit enervierender Gleichgültigkeit begegnet. Wie heisst es in Nr. 10? „O Menschenkind, hör auf geschwind, die Sünd und Welt zu lieben …“ Morgen könnte es zu spät sein, meint Chomsky.

Wenn es eine Wunschreferentin für diese Kantate gibt, dann Sibylle Lewitscharoff. Sie scheut sich bekanntlich nicht, sich mit schwierigen Themen zu befassen, und hat sich dafür auch schon einigen Ärger eingehandelt. Dank ihrer vielseitigen literarischen Begabung, die von Belletristik bis Poesie reicht und Lebenserfahrung aus verschiedenen Kulturen einschliesst, weiss sie nebst aller sprachgefassten Eindeutigkeit aber auch um die Bedeutung der Grautöne und der Differenzierung, mithin um „Barmherzigkeit“ in Wort und Tat.

Achtung: Die Kantate ist relativ lang; auf vielseitigen Wunsch führen wir sie dennoch zweimal auf. Planen Sie deshalb eine Gesamtdauer des Konzerts von 1 1/2 Stunden für Ihre Rückkehr aus Trogen ein.

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