„To err is human, to forgive is not our policy“ lautete vor Jahren der Wahlspruch auf dem klinisch sauberen Pult eines hohen Schweizer Bankenmanagers, dessen Misserfolg in der Führung just mit dem so ostentativ zur Schau gestellten Mangel an Mitmenschlichkeit zusammenhängen mag. Zumeist wird die Unfähigkeit zur Vergebung besser kaschiert; mit Fug kann man aber diesen menschlichen Mangel als Hauptursache für viele Konflikte im gesellschaftlichen Mikro- und Makrobereich bezeichnen. Die Kantate ist mit anderen Worten brandaktuell und wird es wohl bleiben. Text und Musik sind im übrigen sehr schlank und direkt gesetzt; die Botschaft ist klar und unmissverständlich.

Unser Reflexionsreferent, Prof. Dr. Thomas Cerny, ist Onkologe und Präventionsmediziner. Daraus ergibt sich möglicherweise eine spannende Ausgangslage. Denn der Präventionsmediziner müsste, ähnlich wie Gott zu Beginn unserer Kantate, eigentlich verzweifeln über „Ephraim“, das heisst über den einsichtslosen, nur an der kurzfristigen Befriedigung seiner Gelüste und Süchte orientierten Menschen. Als heilender Arzt aber muss derselbe Mediziner sich vorbehaltlos seiner Patienten annehmen, Vorgeschichte hin oder her. „Vorgeschichte hin oder her“ – das ist Vergebung. Oder anders gesagt: Unser Reflexionsreferent verkörpert in seinem Beruf unseren Kantatentext.

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