Anselm Hartinger über C.P.E. Bach


Ein „Originalgenie“ als Sachwalter der väterlichen Erbes: Anmerkungen zum 300. Geburtstag Carl Philipp Emanuel Bachs.

2014 blickt die Bachwelt mit verstärktem Interesse auf das Leben und Werk Carl Philipp Emanuel Bachs. Am 8. März 1714 in Weimar als zweiter (überlebender) Sohn Johann Sebastian Bachs und seiner ersten Frau Maria Barbara geboren, wirkte Carl Philipp Emanuel Bach nach Studienjahren in Leipzig und Frankfurt/Oder jahrzehntelang als Kammercembalist in der Kapelle des flötespielenden Königs Friedrich II. von Preußen, wo er mit Spitzenmusikern wie Carl Heinrich Graun, Johann Joachim Quantz, Georg Anton Benda und Christoph Schaffrath zusammen wirkte. Frucht dieser Zeit und seiner Erfahrungen als Generalbass-Begleiter, Solospieler und Ensemblemusiker war Bachs epochale zweiteilige Klavierschule „Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen“ von 1753/62. 1768 folgte Carl Philipp Emanuel nach mehreren erfolglosen Bewerbungen (u.a. auf das Thomaskantorat in Nachfolge seines Vaters) seinem verstorbenen Taufpaten Georg Philipp Telemann als Kantor am Johanneum und Musikdirektor der fünf Hamburger Hauptkirchen nach.

Seinem Zeitalter galt er als kompositorisches „Originalgenie“, das vor allem im Bereich der Musik für Tasteninstrumente sowie des wesentlich durch ihn entwickelten Klavierkonzertes zu einem kompromißlos individuellen Stil vordrang. Bachs künstlerisches Credo, ein wahrer Musicus „müsse selbst gerührt sein“, um auch andere „rühren zu können“, wird dabei nicht nur durch sein erhaltenes Werk, sondern auch durch zahlreiche Berichte über seine Improvisationskunst vor allem am Clavichord  beglaubigt. Im Zentrum seines Schaffens steht das Ideal eines natürlichen und nuancierten Affektausdrucks sowie einer sanglichen Linienführung – auch und gerade am Clavier. Bei meisterhafter Beherrschung der Formen ist seine leidenschaftliche und empfindsame Musik voller Überraschungen und ungewöhnlicher Wendungen, die Hörer und Spieler gleichermaßen herausfordern. Bachs kompositorischer Einfluß auf die Entwicklung des klassischen Stils war enorm. Sowohl Mozart als auch Haydn haben ihn als unersetzliches  Vorbild benannt, und noch Felix Mendelssohn Bartholdys frühe Sinfonien sind in Satztechnik und Ausdrucksideal bis ins Detail hinein von Carl Philipp Emanuel Bachs Mustern geprägt.

Den in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmenden Bedeutungsverlust des kirchenmusikalischen Dienstes hat er als Hamburger Stadtkantor weder aufhalten können noch wollen. Vielmehr ist auch für ihn eine Hinwendung zu außerliturgischen geistlichen Aufführungen mit latent ökumenischem Zuschnitt festzustellen, deren gerade entstehendes Repertoire er durch bedeutende Kompositionen wie „Die Israeliten in der Wüste“ (1769) und „Auferstehung und Himmelfahrt Jesu“ (1787) bereicherte. Seine Hamburger Sinfonien Wq (Wotquenne-Verzeichnis) 182 allein für Streicher sowie für zwölf obligate Stimmen Wq 183 gehören mit ihrer Verbindung von galanter Gestik, orchestralem Farbreichtum und kapriziösem Eigensinn zu den spannendsten Orchesterwerken ihrer Epoche – weit entfernt von der oft simplen Eingängigkeit der Mannheimer Schule und der nicht selten allzu glatten Ausgeglichenheit mancher Produktionen aus dem Umfeld des klassischen Wien. Dabei war Bach ein gebildeter und standesbewußter Bürger, der Kunst sammelte und mit den Köpfen der aufklärerischen Gelehrten- und Dichterwelt auf Augenhöhe kommunizierte.

Trotz seiner kritischen Distanz zum Stil und zur – aus seiner Sicht eher ausdrucksarmen – Spielweise seines Vaters hat Carl Philipp Emanuel Bach sich wie kein zweiter der Bach-Söhne und -Schüler um das Werk und Andenken Johann Sebastian Bachs verdient gemacht. Er war Mitautor des 1754 erschienenen Nekrologs auf den Thomaskantor und wesentlicher Informant für Johann Nikolaus Forkels 1801 erschienene erste Bach-Biographie („Uber Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke“). Wichtige Werkgruppen Johann Sebastian Bachs wie die Sammlung der vierstimmigen Choralsätze oder die Kunst der Fuge wurden durch ihn herausgegeben und vertrieben. 1786 führte Carl Philipp Emanuel Bach in einem Hamburger Benefizkonzert erstmals das Credo der noch ungedruckten h-Moll-Messe seines Vaters (in einer leicht bearbeiteten Fassung) auf. Vor allem hat Carl Philipp Emanuel Bach, der nicht ohne Stolz angab, „in der Komposition und im Clavierspielen … nie einen anderen Lehrmeister“ als seinen Vater genossen zu haben,  weit über das ihm zugefallene Erbteil hinaus die handschriftlich erhaltenen Quellen der väterlichen Musik gesammelt und bewahrt. Sein Nachlaßverzeichnis, das selbst familienbezogene Raritäten wie das „Altbachische Archiv“ enthielt, ist deshalb eine der noch immer wichtigsten Quellen zur Überlieferung der Werke Johann Sebastian Bachs. Diese gelangten später aus der Verlassenschaft des Hamburger Bach zwischenzeitlich in den Besitz Abraham Mendelssohns (mit dessen Familie Carl Philipp Emanuel Bach gut bekannt war), Georg Pölchaus, Georg Friedrich Zelters sowie der Sing-Akademie zu Berlin. Sie machen noch heute den Kern der Bachsammlung der Staatsbibliothek zu Berlin aus. Daß das Interesse an Johann Sebastian Bachs im Laufe des 19. Jahrhundert wieder zunahm und wir heute auf dessen weitgehend erhaltenes und dokumentiertes Oeuvre zurückgreifen können, verdankt sich daher nicht zuletzt dem anhaltenden Einsatz Carl Philipp Emanuel Bachs für die Musik seines Vaters und die Verteidigung von dessen kompositorischem Erbe.

In der Vorrede zu seiner Ausgabe der väterlichen Choralsätze brachte Carl Philipp Emanuel Bach 1765 dessen anhaltende Bedeutung folgendermaßen auf den Punkt:

„Der selige Verfaßer hat meiner Empfehlung nicht nöthig. Man ist von ihm gewohnt gewesen, nichts als Meisterstücke zu sehen. Diesen Nahmen werden die Kenner der Setzkunst gegenwärtiger Sammlung ebenfals nicht versagen könnnen, wenn sie die ganz besondre Einrichtung der Harmonie und das natürlich fließende der Mittelstimmen und des Baßes, wodurch sich diese Choralgesänge vorzüglich unterscheiden, mit gehöriger Aufmerksamkeit betrachten.“  ( Bach Dok II, 723)

Einen aufschlußreichen Vergleich der Person und Schreibweise Carl Philipp Emanuel und Johann Sebastian Bachs hat Johann Nikolaus Forkel hinterlassen:

„Wenn man diese beide mit einander vergleicht, so scheint C.P.E. mehr Geschmack, und eine Imagination die zur Conception jedes edeln und reizenden Bildes aufgelegt ist, zu haben; J.S. aber weit mehr Genie, und eine lebhafftere und feurigere der erhabensten Ideen fähige Einbildungskrafft. Er hat mehr poetische Begeistrung, seine Ideen sind groß und erhaben, für Wesen einer höhren Ordnung als wir sind. C.P.E. hat nicht den hohen Schwung, seine Gedancken sind so sehr von uns entfernt, ob sie gleich rein, edel, und ihren Gegenständen höchst angemessen sind. J S. Werke haben einen starcken besonderen und ausgezeichenten Character, sie sind einzig und allein aus seiner Seele entsprungen, welche so vielen Reichtum und Ueberfluß hatte, daß sie fremder Hülfe nicht bedurfte. (Bach Dok III, 800a).

 Was auf den ersten Blick als Aufwertung Johann Sebastian Bachs auf Kosten seines Sohnes Carl Philipp Emanuel erscheint, macht im Umkehrschluß deutlich, mit welcher selbstlosen Gerechtigkeit und Wärme der Hamburger Bach seinem Gewährsmann gegenüber die väterliche Musik und Persönlichkeit geschildert haben muß. Daß Forkel mit einigem Scharfsinn bereits Mitte der 1770er Jahre sowohl die Gründe für die erst Jahrzehnte später folgende Bach-Renaissance als auch für das seinerzeit noch keineswegs absehbare lange Vergessen Carl Philipp Emanuel Bachs formuliert, verweist darüber hinaus auf die musikalische Übergangssituation des späteren 18. Jahrhunderts und lenkt unseren Blick auf die oft ungerechten Präferenzen der musikalischen Nachwelt. Erstere hat Carl Philipp Emanuel Bach entschlossen bejaht, bravourös gemeistert und wesentlich mitgestaltet. Letztere gilt es heute mehr denn je zu hinterfragen und zu überwinden – der 300. Geburtstag Carl Philipp Emanuel Bachs stellt eine willkommene Gelegenheit dar, dessen vielgestaltiges und kontrastreiches Oeuvre jenseits aller Moden und Schubladen neu zu entdecken.

Anselm Hartinger (2014)

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